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Fränki
           Derridaismen aus dem Darmtrakt

no. 398
Mein 398. Mann hieß eigentlich Frank, nannte sich aber Fränki. Seine unverzichtbare Bekanntschaft machte ich vor einigen Jahren auf einer Festivität, auf der zwecks Stimmungssteigerung eine volle Stunde unbezahlte alkoholische Getränke ausgeschenkt worden waren. Infolgedessen war denn auch mein Sichtfeld bereits reichlich eingeschränkt, als besagter Mann hinein strauchelte. Fränki war in einem ähnlichen Zustand. Auch er hatte sich auf den Flirt mit dem Teufel Alkohol eingelassen. Sein äußeres Erscheinungsbild mutete schaurig-schräg an. Er trug kniehohe Westernstiefel aus Schlangenlederimitat über den moonwashed Jeans, dazu einen rotblauen Kinderanorak. Über den Kopf hatte er eine hellblaue Pudelmütze gestülpt, in der linken Achsel klemmte eine Lufthansa-Tasche. Sprechen konnte er zu diesem Zeitpunkt kaum noch und auch wenn er sich im Nachhinein als ebenso geistreich wie wortgewandt entpuppte, ging bei diesem Treffen die Kurve seiner Reaktionszeit steil gegen unendlich. Unser Smalltalk unter erschwerten Bedingungen war eine einzige Gesprächspause und wäre auch nur einer von uns annähernd nüchtern gewesen, die Situation wäre uns fürchterlich peinlich gewesen. So aber drehte ich mich irgendwann – auf der Jagd nach neuen kommunikativen Herausforderungen – weg und ließ Fränki stehen. Der blieb noch eine Weile allein mit sich und seinen unbeholfenen Lautmalereien, bis ihn ein wirklich guter und feinfühliger Freund der Öffentlichkeit entzog. Anschließend vergingen einige Wochen, in denen Fränki ein ums andere mal verquere Nachrichten auf der redaktionseigenen Antwortenmaschine hinterließ. "Ich habe von einem zuverlässigen Informanten gehört, daß in Schloß Benrath ein illegales Bordell eingezogen ist" verkündete er eines Tages, "eine brandheiße Story" sei das, die er da an der Hand habe. Wenn wir mehr Details wollten, sollten wir uns schnellstmöglich melden. Anderenfalls würde er die Informationen hemmungslos einem konkurrierenden Stadtmagazin zuspielen. Ein anderes mal stellte Fränki sich als neuer Chefredakteur der Praline vor, verlangte meinen Kollegen vom benachbarten Rechner zu sprechen, den er zum "Adam des Monats" küren wollte, was dem derart Geehrten die Schamesröte den Hals hinauf trieb. Das Magnetband in unserer Redaktion verzeichnete noch einige merkwürdige und vermutlich codierte Nachrichten bis ich Fränki erneut begegnete. Es begab sich im königlichen unter den Getränkemärkten der Stadt, einem Laden mit dem programmatischen Namen Dursty. Hier ging ich meist guter Dinge meinem Nebenerwerb nach, nahm Leergut entgegen und stapelte die Kästen zu mehrere Meter hohen Türmen. Fränki erkannte ich sofort an seiner Lufthansatasche, deren Henkel diagonal über seinen Brustkorb verliefen. Diesmal war der Mann, der sich den Nachnamen 'Disco' ausgesucht hatte und Schriftstücke gerne mit der Phrase "Grüße aus der Discothek" zu Ende brachte, mehr Herr seiner Sinne als bei unserem letzten Aufeinandertreffen. Ich näherte mich vorsichtig an: "Weißt du noch wer ich bin?". Fränki erinnerte mich namentlich. Ich warf einen Blick in seinen Einkaufswagen und ortete einen Kasten Bluna-Limonade sowie drei Überraschungstüten für Jungen, die blauen! "Danke gut" antwortete Fränki auf die obligate Frage nach dem Wohlbefinden und das hätte mir ehrlich gesagt auch schon gereicht. Er aber wollte mehr von sich preisgeben, Details, die dem Leben ja bekanntlich erst zu Würze verhelfen: "Ich habe gerade eine 30 Zentimeter lange Wurst in die Schüssel abgeseilt" ließ Herr Disco verlauten. Ich starrte ihn unverwandt an, war einen Moment lang mindestens ebenso sprachlos wie mein Gegenüber nach exzessivem Alkoholkonsum. Dann hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Um die Konversation nicht versanden zu lassen, erkundigte ich mich – kein Spaß - nach Farbe und Konsistenz seiner Ausscheidungen. "Fest", antwortete er und schaute mir dabei tief in die Augen, "angenehm fest und karamelfarben". Die Länge seines Ausscheidungsproduktes hatte er ja bereits mitgeteilt und ich bin sicher, auch auf die Frage nach dem Durchmesser hätte Fränki Disco keine Sekunde gezögert und bereitwillig Auskunft gegeben. Er parlierte über seinen Stuhlgang wie andere Menschen über ihren letzten Kanarenurlaub oder ihren Job als Onlineredakteur. Das imponierte mir. Die Spezies Frau ist durchaus seltsam konstruiert und andere holde Weiblichkeiten lassen sich – so hört man – von einem schnellen fahrbaren Untersatz oder einem gestählten Oberkörper beeindrucken. Ich aber begeisterte mich rückhaltlos für Fränkies Enddarm-Elogen. Wann immer sich von nun an unsere Wege kreuzten, meine erste Frage galt immer den Zuständen in seinem Verdauungstrakt. "Alarm im Darm?" zwinkerte ich ihm neckisch zu, woraufhin wir herzlich lachten. Über diesen Einstieg fanden wir zu anderen interessanten Themenkomplexen. Fränki referierte über seinen Alltag in beengten Verhältnissen (er lebte in einem Schuhkarton!) und wir entdeckten sogar gemeinsame Hobbies. Unser beider Leidenschaft war das Sammeln von Leonardo-Gläsern. Fränki hatte nach eigenen Angaben "eine der umfangreichsten Sammlungen in der westlichen Hemisphäre" und schätzte vor allem das Trinkglas mit dem Motiv "Wolken und Vögel". Stundenlang schwärmten wir über unsere gläsernen Kleinode, bis Fränki irgendwann wieder zu den wirklich existenziellen Dingen des Daseins kam: "Ich muß so dringend, da kann sich schon ein Spatz drauf setzen" posaunte er dann – ohne Rücksicht auf verschämt zur Seite blickende Umstehende oder gar Verluste – in die Welt hinaus. Sprach's und verschwand hinter der Tür, die für ihn – soviel ist klar – das Allround-Glück bedeutete. Und noch eins ist klar: Darmträgheit war für Fränki nie ein Thema.
 

 

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